Gedanken von meiner Wahlabend-Exkursion

Mecklenburg-Vorpommern hat einen neuen Landtag gewählt. Unser Autor hat seine alte Heimat am Sonntag besucht und Eindrücke für uns protokolliert. Herausgekommen ist eine sehr persönliche Reportage.

Schweriner Schloss Landtag MV - Foto Henrik Nürnberger
Das Schweriner Schloss, Sitz des Mecklenburg-Vorpommerschen Landtags. Foto: Henrik Nürnberger

13:45 Uhr, Bahnhof Berlin-Gesundbrunnen, Abfahrt

Der Regionalzug bewegt sich. Es geht nach „oben rechts“. So wurde Mecklenburg-Vorpommern für eine Serie von „ZEIT Online“ betitelt, wobei die Betonung weniger auf „oben“, als auf „rechts“ liegt. Auch für andere Medien bot sich in den Wochen vor der Wahl die Gelegenheit, Reporterteams in die für sie trostlose Pampa zu entsenden und sie damit zu beauftragen, das Portrait einer abgehängten, von xenophoben Wendeverlierern, „besorgten Bürgern“ und Nazis geprägten Region zu zeichnen. 

Dass Mecklenburg-Vorpommern ein Problem rechts der Mitte hat, ist natürlich auch mir bekannt. Womöglich weiß ich das besser als jeder andere, schließlich bin hier aufgewachsen. 20 Jahre lebte ich in Neubrandenburg. Hier habe ich mich auch engagiert, vor allem gegen Nazis, und habe dabei in Abgründe geblickt. Vieles ist mir sicher entgangen in den sechs Jahren in denen ich nunmehr in Berlin wohne. Doch in den vielen Untergangsszenarien, bei denen der Wahlerfolg der AfD förmlich herbeigeschrieben wird, erkenne ich meine Heimat nicht mehr wieder. Auch bei meinen regelmäßigen Touren in die Region, so wie heute, will mir partout nicht das Gefühl aufkommen, dass ich mich im tiefsten „Dunkeldeutschland“ bewege. Ich liebe den ehrlichen Dialekt der Menschen, ländliche Traditionen und Feste, und natürlich auch die von sanften Hügeln umrahmten Seen, die ein l(i)ebenswertes Bundesland charakterisieren, das so viel mehr zu bieten hat, als die ständig bemühten Probleme.

Ich hätte mir keinen schöneren Ort meiner Jugend aussuchen können, es waren großartige Zeiten. Natürlich wird es nie wieder sein, und doch komme gern hierher zurück. So empfinden nicht alle. Manche, wie Exil-Mecklenburgerin und „SPIEGEL“-Redakteurin Annett Meiritz, meinen gar eine „Spur Scham“ zu empfinden, wenn sie erzählen, woher sie kommen. In masochistischer Manier bemüht sie in ihrem Artikel irgendwelche Statistiken die belegen sollen, dass in M-V wirklich alles ganz schrecklich sei, dieses Bundesland aufgrund seiner Historie überhaupt keine Identifikation, ja noch nicht einmal eine Kultur biete und erwähnt – warum auch immer – den gedopten Rostocker Ex-Radsportprofi Jan Ullrich, als würden dem Land integere Vorbilder fehlen. Das ist natürlich Unfug. Bei diesen Zeilen empfinde auch ich Scham – für die Autorin.

Auch wenn sie das Gegenteil behauptet: Sie hat M-V nicht nur aufgegeben, sie tritt auch noch darauf herum, verfügt sie doch über genug überhebliche Arroganz und Distanz, aus der sie sich über die „zurückgebliebenen“ Bewohnern echauffieren kann – und ist als Ausgewanderte dabei selbst das Symptom dafür, warum in machen Gegenden tatsächlich einiges im Argen liegt. Das hat Mecklenburg-Vorpommern nicht verdient. Dieses Land braucht keine Schnacker, wie der Mecklenburger sagen würde, sondern echte Demokraten, Leute die anpacken und dieses Land nicht den rechten Hetzern preisgeben, auch nicht verbal. An diesem Bashing werde ich mich jedenfalls nicht beteiligen. Mein Zug kommt an.

15:15 Uhr, Ankunft in Neubrandenburg, kleiner Stadtrundgang

Es geht nur um rechts oben. Foto: Henrik Nürnberger
Es geht mal wieder nur um rechts oben. Foto: Henrik Nürnberger

In meinem alten Neubrandenburg bewegt sich viel mehr als in meinem Berliner Kiez. Überall Baustellen, es gibt neue Cafés und Läden. Touristengruppen machen Fotos. Selbst an diesem verregneten Wahlsonntag ist die Stadt lebendiger als gedacht. Die Zeit steht hier nicht still, und ich bin sogar überrascht darüber. Bin ich doch mehr von den Medien beeinflusst, die vor der Wahl lieber über eine Region des Scheiterns, als des Gelingens schreiben?

Dass heute etwas über die erneuerten Straßen und frisch sanierten Fassaden aufzieht, daran erinnern die massenhaften Plakate von NPD und AfD, die die Laternen säumen und ganz weit oben hängen. Manche Parteien wollten und konnten nicht so viel plakatieren, andere spendeten ihre Wahlkampfbudgets für gute Zwecke. Damit entsteht optisch allerdings der unbequeme Eindruck, dass die Straßen den Rechten überlassen werden. Im Parlament soll es für „die Alternative“ heute soweit sein, sie drängt ins Schweriner Schloss. Die NPD muss zittern. 

18:00 Uhr, Wahllokal in der Regionalbibliothek, die Auszählung beginnt  

Auszählung Wahlen - Foto Henrik Nürnberger
Hochkonzentriert: Wahlhelfer schnacken nicht, sie packen an! Foto: Henrik Nürnberger

Nicht nur fotografierenden Journalisten, sondern jedem Bürger ist es ausdrücklich gestattet, sich die Auszählungen aus nächster Nähe anzuschauen. Die meisten vertrauen zurecht darauf, dass hier alles korrekt zugeht. Im Wahlbezirk 1 – das Lokal befindet sich in der Neubrandenburger Regionalbibliothek im Stadtzentrum – schaut sich neben mir nur noch ein kleiner Junge das Prozedere etwas teilnahmslos an. Wie immer hätte die Demokratie ein bisschen mehr Begeisterung verdient. Aber wenn wir ehrlich sind, ist der gesamte Wahlakt ja auch eine reichlich unspektakuläre Sache.

Die Wähler machen ihre Kreuzchen oder bleiben gleich zuhause. Um Punkt 18 Uhr stürzt jemand die Urne um und eine Handvoll Wahlhelfer sortiert die Zettel auf einem großen Tisch zunächst nach einem strikten Zählsystem. Schon nach einer Stunde können die ersten Auszählungsergebnisse an die Wahlleitung übermittelt werden. Für die Crew ist dann Feierabend. Die Leitung fasst nach und nach alle Ergebnisse zusammen, bis am Ende des Abends das offizielle Endergebnis feststeht. Ich mache mich schon nach einer Viertelstunde auf; ich bin noch verabredet.

18:20 Uhr, „Winehouse“, SPD Wahlparty

SPD Wahlparty NB - Foto Henrik Nürnberger
Parteiwimpel und Bier steht immer dort, wo Politik entsteht. Foto: Henrik Nürnberger

Ich erreiche die SPD-Wahlparty, die in einem für Neubrandenburg typischen Wiekhaus stattfindet – einem kleinen in die historische Stadtmauer eingelassenen Fachwerk, das im Dreißigjährigen Krieg so ähnlich als Verteidigungsanlage diente und am heutigen Abend Bastion der hiesigen Sozialdemokraten ist. Die Stimmung im Ortsverein ist bereits ausgelassen, immerhin ist schon die erste Hochrechnung eingetroffen. Aus ihr geht hervor: Die Sozialdemokraten kratzen die 30 Prozent und sind damit klarer Wahlsieger des Abends.

Der Grund, warum ich hier bin, ist vor allem mein schlechtes Gewissen. Als SPD-Mitglied und früherer Juso bin ich meinem Ortsverband zumindest auf dem Papier treu geblieben. Auch wenn ich politisch nie wieder in Erscheinung getreten bin, so bekomme ich noch immer Geburtstagsgrüße, Einladungen zu Sommerfesten und Briefe zum Wahlkampf, an dem ich gar nicht teilgenommen habe, nach Berlin geschickt. Darauf finden sich zum Teil ganz persönliche Vermerke, in denen ich lieb aufgefordert werde, mich doch mal wieder blicken zu lassen. Selbst gute Freunde denken nicht so zuverlässig an mich, wie meine Partei. Der Wahlabend bot mal wieder einen interessanten Anlass, mich zu bedanken – vor allem bei einer Person: Sylvia Bretschneider, ihres Zeichen Präsidentin des Landtags und erneute Kandidatin für einen von zwei Wahlbezirken in Neubrandenburg.

Während schon mal die erste Sektrunde ausgegeben wird, muss sich unsere prominente Kandidatin noch den Fragen der TV-Journalisten in der Landeshauptstadt Schwerin stellen. Von dort will sie später zu uns ins etwa zwei Stunden entfernte Neubrandenburg rauschen. Dann ein kurzer Schock: Auf unserem Display färbt sich ihr Wahlkreis AfD-Blau. „Nur ein Wahlbezirk wurde ausgezählt“, bemerkt jemand. Durchatmen. Mit den nächsten eintrudelnden Ergebnissen sollte das Direktmandat dann deutlicher an Bretschneider gehen. Spannend bleibt es um Neubrandenburg herum. In einigen Wahlkreisen, vor allem in Ostvorpommern, wechselt das Direktmandat zwischen Kandidaten von der SPD, CDU und AfD teils im Minutentakt, wie die Grafik zeigt. Vier Direktmandate kann die AfD am Ende holen. Das sind weniger als die CDU – und doch wird sie zweitstärkste Kraft hinter den Sozialdemokraten mit am Ende 20,8 Prozent der Zweitstimmen.

Positiv stimmt, dass die NPD auch das letzte ihr verbliebene Landesparlament verlassen muss. Sie kommt auf 3,0 Prozent, 2011 waren es noch doppelt so viel. Zwei Legislaturperioden überzog die rechtsextreme Partei die Landespolitik mit Hetze und störte die parlamentarische Arbeit in unerträglicher Weise. Ihr Ausscheiden ist ein wichtiger Erfolg, der an diesem Abend aber fast unterzugehen droht. Alle Augen richteten sich mal wieder nur auf die AfD. Die betrachtete der Kopf der NPD, Udo Pastörs, früher noch als „Steigbügelhalter“. Nun hat „die Alternative“ die unzufriedenen Protestwähler eingesammelt – und die NPD damit in die Bedeutungslosigkeit entlassen. Shit happens.

22:05 Uhr, noch immer im „Winehouse“, Sylvia kommt.

Direktmandate - Foto Henrik Nürnberger
Die USA haben swing states, wir Ostvorpommern. Foto: Henrik Nürnberger

Die Runde wird größer. Erwartungsgemäß sind viele Ältere hier. Darunter ehrwürdige Parteigranden, die am demokratischen Aufbruch nach der Wende mitgewirkt haben. Doch dass es am jungen Parteinachwuchs mangelt, davon kann keine Rede sein. Seit ein paar Monaten gibt es wieder eine aktive Gruppe Jusos vor Ort. Auch unter den Direktkandidaten in Mecklenburg-Vorpommern sind vier im besten Juso-Alter. Einer von ihnen, Patrick Dahlemann, wird inmitten vom AfD-blauen Vorpommern-Greifswald einen Wahlkreis für sich entscheiden. Shootingstar des Abends ist aber Nadine Julitz, die mit 26 Jahren ein Direktmandat im Nachbar-Wahlkreis erringt und damit die nun jüngste Abgeordnnete des Landstags ist. Eine echte Überraschung. Damit stellt auch die SPD insgesamt mit 47,3 Jahren die jüngste Fraktion. Ihr Vertrauen in die Jugend hat sich gelohnt.

Und die anderen Parteien? Wie die SPD (-5,0), verliert auch die CDU insgesamt 4,0 Prozentpunkte zur vorigen Wahl. Sie wird daran mehr zu knabbern haben. Den stärksten Einbruch erlebt Die Linke (-5,2), sie bleibt aber mit 13,2 sicher im Landtag. Nicht so die Grünen: Am Abend wird noch gebangt, dass es mit dem Wiedereinzug klappt. Am Ende fehlen ihr dafür 0,2 Prozent. Mecklenburg-Vorpommern bleibt ein schwieriges Pflaster für die Partei. Bei der vergangenen Wahl 2011 konnten sie noch von der grünen Aufbruchstimmung nach Fukushima profitieren.

Kurz nach 22:00 Uhr ist es dann soweit: Sylvia trifft ein. Den frühen Jubel wiegelt ab, noch ist das Endergebnis aus ihrem Wahlkreis nicht da. Als ihr Direktmandat kurz darauf doch sicher ist, können endlich die Korken knallen – „auf unsere SPD!“. In ihrer Dankesrede erinnert sie an ihren Weg in die Politik Anfang der 90er, als sie sich gegen die Männerdomäne behauptete. Heute ist sie für die Fraktion unverzichtbar. Auch Manfred Dachner, der Kandidat für den zweiten Neubrandenburger Wahlkreis, bedankt sich, auch er hat das Direktmandat geholt. Es soll seine letzte Legislaturperiode sein, dann müsse die Jugend ran, macht er schon mal klar. Beide schmeißen eine Runde.

SPD-Wahlsieg, Direktmandate, Erwin Sellering bleibt Landesvater. Für den Ortsverein hätte es nicht besser laufen können. Doch gefeiert wird eher bescheiden, Mecklenburger brauchen nicht viel Tamtam. Am Ende kann auch ich noch meinen Dank für die lieben Briefe loswerden. Leicht angetüdelt mache ich mich auf. Es war ein denkwürdiger Tag.

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