In der ersten Reihe für mehr Mitbestimmung

Eben noch auf der Schulbank, jetzt Kandidat für die BVV: Paul Schlüter (19) will für Die Linke ein Mandat erringen. In Pankow möchte er sich für mehr Mitspracherechte von Jugendlichen starkmachen.

„Über Weltfrieden muss man reden, wir dürfen dabei aber nicht vergessen, die Probleme anzupacken, die den Menschen wirklich auf dem Herzen liegen.", findet Paul Schlüter, Kandidat Der Linken für die BVV in Pankow
„Über Weltfrieden muss man reden, wir dürfen dabei aber nicht vergessen, die Probleme anzupacken, die den Menschen wirklich auf dem Herzen liegen“, findet Paul Schlüter, BVV-Kandidat für die Linke in Pankow. Foto: privat

Wahlkampf kann ganz schön stressig sein.“ Er kommt 20 Minuten zu spät zu unserem Gespräch und wirkt trotzdem ganz entspannt: Paul Schlüter, 19 Jahre und Mitglied der Linken, kandidiert für die BVV in Pankow. Vor zwei Jahren saß er noch in der Schülervertretung, wo das Engagement seinen Lauf nahm. An seiner ehemaligen Oberschule, der Reinhold-Burger-Schule, war Paul als Schülersprecher aktiv, später wurde er in den Bezirksschülerausschuss gewählt und war Pressesprecher vom Landesschülerausschuss. Hier macht er die typische Arbeit eines Schülervertreters: Mit der Verwaltung telefonieren, als es Stress mit Lehrern gibt oder als mal wieder etwas kaputt geht in den maroden Schulgebäuden.

Verantwortung übernehmen

Doch Paul will mehr. Er will etwas gegen das aus seiner Sicht ungerechte, zweigliedrige Bildungssystem ankämpfen, das „nur auf Leistung ausgerichtet“ sei und nicht auf die individuellen Interessen der einzelnen Schüler einginge. „Tatsächlich habe ich aber sehr schnell bemerkt, dass die Möglichkeiten, etwas zu bewegen, in der Schülervertretung sehr gering sind.“ So entscheidet er sich, einer Partei beizutreten. Die Programme aller Parteien hat er gelesen und ging schließlich zu den Linken. Da er dieser bereits mit 14 beitreten konnte, ließ er die Linksjugend Solid förmlich links liegen.

Im vergangenen Jahr hat Paul seinen Mittleren Schulabschluss gemacht. Nun hat er eine Ausbildung zum Kaufmann für Büromanagement mit Fachhochschulreife am Oberstufenzentrum Elinor-Ostrom angefangen, die er voraussichtlich nächstes Jahr abschließt. Doch warum engagiert sich Paul kommunalpolitisch, während andere in seinem Alter erst einmal an ihre Ausbildung oder den Schulabschluss denken? „Ich bin halt ein Mensch, der gerne in der ersten Reihe steht“, zitiert Paul den Großmeister der Linken, Gregor Gysi, und lacht. Und das ist nicht egozentrisch gemeint, für Paul hat der Satz vor allem mit einem zu tun: Verantwortung. Die will er übernehmen – und sich für andere einzusetzen.

Mit „Kampfkandidatur“ überzeugt

Von leeren Visionen hält er nicht viel: „Über Weltfrieden muss man reden, wir dürfen dabei aber nicht vergessen, die Probleme anzupacken, die den Menschen wirklich auf dem Herzen liegen.“ Konkret heißt das für ihn, dass Wohnraum für alle bezahlbar sein muss, alle Eltern einen Kitaplatz für ihre Kinder bekommen und Schulen ausreichend finanziert werden.

Als Paul beschließt, für das Bezirksparlament zu kandidieren, war die Partei anfangs nicht sonderlich begeistert, einen so jungen Kandidaten zu nominieren. Schließlich sei der Fokus auf den Berufsabschluss wichtiger als ein Mandat. Einerseits kann Paul das verstehen, andererseits müssen auch die anderen Mitglieder der BVV den Spagat zwischen Beruf und Mandat hinbekommen, was in der Regel auch klappt.

Die Skepsis der Partei überwog, auf dem ursprünglichen Listenvorschlag war Paul deshalb nicht vertreten. Doch mit seiner „Kampfkandidatur“ auf dem Bezirksparteitag kann er schließlich überzeugen und wird auf Listenplatz 14 gewählt. Die Chancen für den Einzug stehen für ihn also gar nicht so schlecht. „2011 hätte es mit diesem Platz nicht gereicht, doch nach den aktuellen Prognosen sieht es ganz gut aus, dass ich ab dem 18. September in der BVV sitze.“ Hier will sich Paul vor allem in der Jugendpolitik engagieren: „Da ich noch in einem jugendlichen Alter bin, glaube ich, ganz gut zu wissen, was Jugendliche wollen und brauchen.“

Ein Kinder- und Jugendparlament in Pankow?

Eines seiner Kernanliegen ist die Partizipation von Jugendlichen. Er will andere Leute dazu zu bringen, sich zu engagieren und sich mit Dingen kritisch auseinanderzusetzen: „Mitwirkungsgremien leben von Leuten, die sich für deren Arbeit interessieren und mitmachen wollen.“ Wenn es nach Paul geht, sollten diese Gremien mehr Rechte, wie ein Rede- und Antragssrecht in der BVV bekommen. Denn oftmals dürfen sie zwar ihre Meinung sagen, werden aber letztendlich ignoriert. „Ich habe das selbst erlebt, wenn du nach deiner Meinung gefragt wirst, sie den Amtsträgern am Ende aber doch egal ist. So verschreckt man engagierte Menschen, die sich gerne beteiligen und einbringen würden“, berichtet Paul aus seinen Erfahrungen.

Sein persönliches Lieblingsprojekt ist deshalb auch die Schaffung eines neuen Gremiums: Nach dem Vorbild von Charlottenburg-Wilmersdorf soll auch in Pankow ein Kinder- und Jugendparlament gegründet werden. Dort wählen die Schüler und Jugendlichen einmal im Jahr Vertreter ihrer Schulen und Jugendclubs in ein „Parlament“, dessen Beschlüsse in jedem Fall von Bezirksamt und BVV beraten werden müssen. Für eine weitere demokratische Beteiligung von Kindern und Jugendlichen soll außerdem ein vom Bezirk gestellter Beauftragter für Kinder und Jugendliche sorgen.

Am Rednerpult für den Erhalt von Jugendclubs

Die wichtigste Aufgabe der nächsten Legislaturperiode sieht Paul aber darin, für die Erhaltung der über 50 Kinder- und Jugendeinrichtungen im Bezirk zu kämpfen und in unterversorgten Stadtteilen neue Begegnungsorte für Jugendliche zu schaffen.

Ob wir Paul dazu auch mal bei einer flammenden Rede im Abgeordnetenhaus in 10, 20 Jahren erleben werden? Er selbst will sich das diplomatisch offenhalten: „Wenn ich ins Abgeordnetenhaus gewählt werde, dann soll es so sein und wenn nicht, dann ist es auch gut.“ Doch im Internet findet man jedenfalls schon Fotos, auf denen Paul hinter dem Rednerpult des Hohen Hauses steht – vielleicht ja sein zukünftiger Arbeitsplatz?

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.