„Politik muss für alle da sein“

June Tomiak kandidiert auf Listenplatz 15 der Grünen-Landesliste und wird wohl als jüngste Abgeordnete einziehen. Was bewegt die 19-jährige, Politik zu machen und für das Abgeordnetenhaus zu kandidieren?

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Bald jüngste Abgeordnete im Berliner Parlament? Junes Kandidatur bringt das klassische Bild von Politik ins Wanken. Foto: Johann Stephanowitz

Im Plenarsaal des Abgeordnetenhauses saß June Tomiak schon einmal. Das erste Mal getroffen habe ich sie bei der Simulation Europäisches Parlament, die jährlich von der Jungen Europäischen Bewegung Berlin-Brandenburg veranstaltet wird. Nun, zwei Jahre später, hat June gute Chancen, richtige Abgeordnete zu werden – sie kandidiert auf Platz 15 der Landesliste der Grünen und ist damit so gut wie drin im Berliner Parlament. Wie kommt eine 19-jährige dazu, fürs Berliner Abgeordnetenhaus zu kandidieren?

Junes Laufbahn verlief  recht klassisch: In der Schule fing sie an, sich als Schulsprecherin zu engagieren, parallel dazu trat sie 2012 in die Grüne Jugend ein. „Die stehen mir inhaltlich am nähsten“, sagt sie. Laut June hat sich die Arbeit in Schülergremien und in der Parteijugend gut ergänzt und nach dem Abitur merkte sie schließlich: „Das hat mir viel Spaß gemacht und ich finde das so cool, dass ich das gerne weitermachen will.“ Also trat sie letztes Jahr auch der Partei bei und kandidierte sogleich beim Landesparteitag für die Landesliste zur Abgeordnetenhauswahl.

Für mehr Jugendbeteiligung im Parlament

Wie können wir in einer demokratischen Gesellschaft das Leben demokratisch gestalten? Diese Frage treibt June an. Zuerst ist da das Wahlrecht: Sie fordert nicht nur, dass man mit 16 das Abgeordnetenhaus wählen darf, sondern jeder, der in Berlin seinen Wohnsitz hat, zu den Urnen kann – auch ohne deutschen Pass hat. „Diese Menschen sind auch betroffen von den Gesetzen, die gemacht werden. Deshalb sollen sie mitgestalten können“, findet June.

Logischerweise nimmt auch das Thema Jugendbeteiligung eine zentrale Rolle in ihrer politischen Arbeit ein. Hier muss sich laut June „das Setting“ verändern. Wie kann Jugendbeteiligung anders funktionieren? „Es gibt zwar Möglichkeiten, wie sich junge Menschen beteiligen können, aber die meisten Leute wissen davon nicht“, sagt sie und fügt hinzu: „Den Leuten, die sich beteiligen, werden unglaublich viele Hürden in den Weg gelegt.“

June sieht hier ein strukturelles Problem, bei dem viele Hürden abgebaut werden müssen. Als Beispiel führt sie die Arbeit in den Schülervertretungen an, die oftmals nicht ordentlich übergeben werde. Bei der Wahl der Schülervertretetung am Anfang des Schuljahres sollte aufgezeigt werden, mit welchen Rechten und Pflichten das Amt verbunden ist. „Ihr habt diese Rechte schon, ihr müsst lernen, sie zu benutzen“, appelliert June an ihre Altersgenossen.

Jüngste Abgeordnete des Abgeordnetenhauses

Im Wahlkampf versucht die Grüne Jugend mit ungewöhnlichen Maßnahmen Aufmerksamkeit zu erregen und für die Grünen zu werben. So wurde eine Kleidertauschparty veranstaltet, um für mehr Nachhaltigkeit zu werben. Gesetztes Wahlziel ist die Abwahl der Großen Koalition und eine Regierungsbeteiligung.

Sollte alles gut gehen, ist June Tomiak ab 18. September jüngstes Mitglied des neuen Abgeordnetenhauses und überhaupt jüngstes Mitglied eines Landesparlaments in Deutschland. Dass im Vorfeld der Wahl immer wieder ihr junges Alter thematisiert wird, stört sie wenig. „Das Alter ist bezeichnend. Es ist nicht oft, dass so junge Leute ein politisches Mandat auf Landesebene übernehmen wollen“, sagt sie.

Im Wahlkampf war June oft an Podiumsdiskussionen an Schulen, wo die Mitglieder der anderen Parteien häufig 30 bis 40 Jahre älter als sie waren, während June nur ein, zwei Jahre älter war als die Zuhörer. „Für die Schüler ist es total krass zu sehen, dass da vorne jemand sitzt, der nur ein wenig älter ist, kompetent wirkt und bei den ganzen Themen auch mitreden kann.“ June will durch ihre Kandidatur andere motivieren, sich ebenfalls politisch zu engagieren. „Ich will rüberbringen, dass Politik für alle da sein muss.“

Sprung ins kalte Wasser

Ab Herbst studiert June Kultur und Technik mit Schwerpunkt Philosophie an der Technischen Universität. Sie glaubt, dass sie Mandat und Studium unter einen Hut bekommen kann. „ Das Studium ist ein Teilzeitstudium und das Abgeordnetenhaus ein Teilzeitparlament. Rein theoretisch sollte das also gehen“, gibt sie sich optimistisch und lacht.

Das Abgeordneten-Dasein hat sie jedenfalls schon ein bisschen geübt. In den letzten zwei Monaten hat sie regelmäßig Ausschuss- und Plenarsitzungen besucht und das Schreiben von Anträgen geübt. Letzendlich fühlt sich June auf das Mandat gut vorbereitet: „Ich wurde da von meinen zukünftigen Kollegen gut an die Hand genommen und die hatten immer ein offenes Ohr für meine Fragen.“

Trotzdem ist es für sie noch immer ein Sprung ins kalte Wasser. Nach der Wahl will sie in Moabit, wo sie wohnt, ein Bürgerbüro einrichten und auch Mitarbeiter einstellen. „Das ganze soll eine Anlaufstelle für Jugendliche werden, wo sie sich treffen können und auch regelmäßig Veranstaltungen stattfinden werden.“

Doch die ersten Aufgaben für June Tomiak gibt es womöglich sogar schon bei der konstituierenden Sitzung des Abgeordnetenhauses zu erledigen: Zusammen mit dem Alterspräsidenten eröffnen die vier jüngsten Abgeordneten die Sitzung und ernennen die Abgeordneten.

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