Pro und Kontra: Immer diese Plakate!

Die Berlin-Wahl ist gelaufen, die Plakate können runter. Kann man sich das nicht gleich sparen? Wer braucht schließlich lächelnde Konterfeis und Sinnlosbotschaften, findet Tim. Henrik widerspricht: Für ihn gehören Wahlplakate einfach dazu.

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Überall Wahlwerbung. Foto: Tim Lüddemann

Zu Wahlkampfzeiten überziehen die Parteien jeden Straßenzug mit ihren Plakaten. Dabei sind die Effekte dieser Werbemaßnahmen zu vernachlässigen, der Aufwand und der Ressourceneinsatz dafür aber enorm. Ja, lasst die Wahlplakate einfach weg! 

Politik ist Show. Eine Plenardebatte gleicht eher einem Theaterschauspiel, als einem Diskussionsgremium. Und Wahlkampf erinnert eher an eine Werbekampagne, als an einen offenen Wettbewerb der Interessen. Die überall präsenten Wahlplakate passen in diese Entpolitisierung der Politik: Es geht um Werbung, die beste Präsentation der Kandidierenden, Botschaften und Slogans – den „Spin“ entwickeln. Oder Inhalte weglächeln, wie Aufkleber auf den Plakaten in Friedrichshain-Kreuzberg deutlich machen. Bei den tausenden von Plakaten mit unterschiedlichsten Motiven ist es für die Wählenden unmöglich, differenziert die Botschaften zu entschlüsseln. Der Effekt der Plakate kann sich also gar nicht entfalten.

In jeder Partei sind hunderte Mitglieder wochenlang in Berlin unterwegs, um Wahlplakate zu hängen. Ein enormer Zeitaufwand, trotz des geringen Effekts. Die Zeit könnte sinnvoll in Diskussionsveranstaltungen, Informationsstände, Social Media und Präsenz investiert werden –  direkte Ansprachen und Auseinandersetzungen statt einfache Werbeslogans. Zusätzlich würden die Wahletats der Parteien entlastet; dort nehmen die Plakate traditionell hohe Posten ein.

Dass es auch ohne die Plakatflut geht, zeigt das Beispiel Frankreich. Dort dürfen überhaupt keine Plakate gehangen werden. Stattdessen gibt es zentral bereitgestellte Plätze, auf denen geklebt werden kann. Dennoch finden die Menschen am Wahltag ihren Weg in die Wahlkabinen und machen ihr Kreuz. Nach der Wahl müssen die Plakate weg. Da sie, mit einzelnen Ausnahmen, nur für eine spezielle Wahl genutzt werden können, werden sie entsorgt. Eine unheimliche Materialverschwendung.

Vielleicht gibt es bei einer der nächsten Wahl eine Partei, die sich traut, auf Plakate zu verzichten. Stattdessen könnten die frei gewordenen Ressourcen in eine direkte Auseinandersetzung mit den Bürger*innen investiert werden. Das würde auch für die Demokratie ein Plus bedeuten.

Tim Lüddemann

 


 

Wahlplakate stimmen ein, sie werben nicht nur für Kandidaten und Parteien, sondern für die Demokratie insgesamt. In Deutschland sind sie Tradition – und das ist gut so! Politik braucht Symbole wie Wahlplakate. Ohne sie würde uns etwas fehlen.

Keine noch so schlichte Botschaft mag verschleiern, dass es bei Wahlen um verdammt viel geht. Sobald die Plakate hängen, erfährt auch der Letzte, dass der Urnengang bevor steht. Das macht den Betrachter natürlich nicht gleich zum Wähler oder bewussten Demokraten, aber es ist ein Anfang. Mit den Wahlplakaten kommt „die Politik“, die im Parlament leider oft unbeachtet der Öffentlichkeit arbeitet, zumindest optisch auf die Straße und in jeden Kiez – auch wenn das Politiker-Konterfei aus Pappe ist. Der potenzielle Wähler kann so vielleicht schon mal einen ersten Eindruck vom örtlichen Kandidaten erhaschen. Gesichter schaffen Vertrautheit, Namen bleiben im Kopf, „die da oben“ wirken im besten Fall weniger anonym. Und das ist wichtig.

Das Ganze schließt natürlich nicht aus, dass Demokratie vor allem mit dem Dialog beginnt. Niemand würde doch tatsächlich behaupten, dass Inhalte auf einer A1-großen Pappe besonders umfassend vermittelt werden können. Aber sollen das Plakate überhaupt leisten? Nein. Sie bieten die emotionale Komponente, die Signalwirkung, die Einstimmung wenn es auf den Wahltag zugeht.

Kommunal-, Landtags-, Bundes- und Europawahlen sind nicht jeden Tag. Die Wahlzeit ist eine besondere Zeit. So wie wir zu Weihnachten den Tannenbaum aufstellen und die Straßen dann ganz romantisch mit Lichtern schmücken, so sind auch Wahlplakate eine Art ritualisierte Praxis. Sie hat in Deutschland eine lange Tradition und ist damit auch eine Form der (politischen) Kultur. Kulturpraxen – wie wir uns wünschen würden, dass auch die Demokratie eine ist – können und sollen nicht ohne Symboliken auskommen. Wahlplakate sind ein wichtiger Teil davon. Sie gehören einfach dazu.

Henrik Nürnberger

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