Schulpolitik debattiert am Primo-Levi-Gymnasium

Über Systemfragen und die Berliner Schulpolitik der Zukunft: Die Vertreterinnen und Vertreter der Partei-Jugendorganisationen lassen beim PolitikCafé am Primo-Levi-Gymnasium kaum eine Streitfrage aus. Spotlights aus der Debatte.

Foto: Johann Stephanowitz

Die Vorstellungen und Ideen gehen weit auseinander, fragt man nach guter Schulpolitk: Besonders in der Bildung sind Konsens und Kompromisse oft schwierig. Auch beim Podium des PolitikCafés am Primo-Levi-Gymnasium in Weißensee mit fünf Vertreterinnen und Vertretern der Partei-Jugendorganisationen aus Junger Union, Grüner Jugend, Jusos, JuLis und der Linksjugend ’solid traten Fronten schnell zu Tage. Soll Berlin seinen Weg in der Bildungspolitik weitergehen, der vor allem den Ausbau des Ganztags und gemeinsames Lernen in Gesamtschulen vorsieht?

Jusos, Linksjugend und Grüne Jugend: Gesamtschul-Konzept weiter denken

Ja, findet Ferike Thom, Vorsitzende der Jusos Pankow in der SPD. Sie macht aber auch deutlich, dass dafür die Ausstattung der Schulen weiter verbessert werden müsse. Zustimmung erhält sie von Caspar Schumacher, Sprecher der Grünen Jugend Berlin, und Louis Kresovic aus dem Vorstand der Linksjugend ’solid, wenngleich auch sie der Berliner Schulpolitik viel Nachholbedarf attestieren.

Foto: Johann Stephanowitz

„Gemeinsam lernen heißt nicht, genau das Gleiche zu lernen“, erklärt dazu Louis Kresovic (Linksjugend). Alle drei sind sich einig: Heterogene Klassen können funktionieren. Caspar Schumacher (Grüne Jugend) zitiert dazu aus der Hamburger Langzeitstudie „KESS“ von 2011. Die ergab, dass Schülerinnen und Schüler besser in Klassen lernen, wo es einen Leistungsunterschied gibt. Caspars zufolge solle man sich „von der Angst lösen“, dass die Gesamtschule junge Menschen mit unterschiedlichen Lerngeschwindigkeiten ausbremsen würde.

Streitpunkt: Durchlässigkeit

Gegen diese Ansicht bringt Florian Klawun, Vorstand der Jungen Union Lichtenberg, ein geläufiges Argument konservativer Bildungsprogrammatik vor: In der „Einheitsschule“, wie er sie nennt, müssten sich alle dem Tempo und Niveau des Schwächsten anpassen. Dies erkläre unter anderem auch das schlechte Abschneiden Berlins in bundesweiten Bildungsvergleichen. David Jahn von den Jungen Liberalen Nordberlin und Mitglied der FDP-Fraktion in der BVV Reinickendorf pflichtet dem bei. Für beide steht Leistungsstärke und die Förderung guter Schülerinnen und Schüler im Widerspruch zu einem Gesamtschulsystem, das primär Mobilität zwischen Schultypen und Klassenstufen ermöglichen soll.

Ferike Thom (Jusos) sieht allerdings genau in der Durchlässigkeit eine Stärke im Berliner System; David Jahn (JuLis) widerspricht dem vehement: Gerade Berlin sei hier gescheitert. Immerhin liegt die Wahrheit wohl dazwischen, wie unser Faktencheck ergibt: Berlin ist laut Chancenspiegel der Bertelsmann Stiftung und Universität Jena allenfalls deutsches Mittelmaß in Puncto Durchlässigkeit.

Foto: Johann Stephanowitz/ Junge Presse Berlin

Konsens bei Politik als Schulfach und G9-Einführung

Doch nicht nur konträre Meinungen waren auf dem Podium zu finden. Konsens besteht etwa darüber, dass Politikunterricht in den Berliner Rahmenlehrplan ab der Klasse 7 gehört, wie es aktuell debattiert wird. Auch G9 an Gymnasien – das Abitur nach 13 Jahren Schule – stößt bei allen grundsätzlich auf Zustimmung, auch wenn die Begründungen dafür verschieden sind: Für Florian Klawun (JU) könnten so mehr Inhalte im Lehrplan untergebracht werden; Caspar Schumacher (Grüne Jugend) sieht dagegen eher Chancen, durch eine Entfrachtung des Lehrplans den Leistungsdruck abzumildern.

Schulische Selbstverantwortung und Selbstbestimmung

Doch ob G9 oder G8 – für David Jahn (JuLis) sind dies nicht die „großen Fragen“, die die Politik bewegen sollte. Er fordert stattdessen, auch solche Entscheidungen vollständig in die Hände der Schulen zu legen und ihnen damit mehr Freiheiten einzuräumen. Dort solle es für Schüler und Eltern möglich sein, in einem demokratischen Prozess selbst über die Länge der Schulzeit zu entscheiden.

Auch wenn sie in Kernfragen anderer Meinung ist, begrüßt auch Ferike Thom (Jusos) mehr Demokratie an der Schule: „Wie an Schulen unterrichtet wird, sollte unter Mitbestimmung der Schülerschaft passieren.“

Foto: Johann Stephanowitz

Junge Union: Mehr Professionalisierung und Digitalisierung

Eine Form der unternehmerischen Professionalisierung der Schule durch die Anstellung eigener Schulmanager, die sich ausschließlich um die Finanzierung und Bereitstellung von Lehrmitteln kümmern, sieht Florian Klawun (JU) als einen Weg, wie Schulen fit für die Zukunft gemacht werden können – auch und vor allem in Zeiten der Digitalisierung. Denn Programmier-Fähigkeiten gehören für ihn umgehend auf den Lehrplan, damit Deutschland im internationalen Wettbewerb mithalten könne.

Die Debatte geht weiter

Fast 200 Schülerinnen und Schüler sind in die Aula der Primo-Levi-Schule gekommen, um die Diskussion zu verfolgen. Nach der heiß geführten, eineinhalbstündigen Debatte bleibt am Ende nicht mehr ausreichend Zeit, um alle Fragen aus dem Publikum an die jungen Parteijugend-Vertreterinnen und Vertreter beantworten zu können.

Es muss also „nachdebattiert“ werden! Eine Gelegenheit bietet unter anderem der nächste PolitikCafé-Stammtisch am 11. Juli um 19:30 Uhr im Aufsturz (S-Bhf. Oranienburger Str.), diesmal jedoch zum Thema „Zukunft der Arbeit“.

Henrik Nürnberger und Lena Skrotzki (Junge Presse Berlin)

1 thought on “Schulpolitik debattiert am Primo-Levi-Gymnasium”

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.